Meinungen

Schicksalsjahre der Jungen Europäischen Föderalisten

Die 1970er Jahre waren für die Jungen Europäischen Föderalisten in Heilbronn im wahrsten Sinne des Wortes schicksalhaft, denn sie brachten Höhepunkt und Untergang zugleich. Noch heute sind den Heilbronnern die Europabälle in bester Erinnerung und viele schwärmen von ihren ersten Reisen ins europäische Ausland oder von den Städtepartnerschaften, die in ihrer Jugend von der JEF – das Kürzel unter dem die Jungen Europäischen Föderalisten noch heute firmieren – initiiert und gepflegt wurden. Für manche Heilbronner war die JEF gar der Ort und die Zeit, bei der sie ihren Partner fürs Leben gefunden haben.

Kaum einem aber sind die Ursprünge und Ideen der JEF noch bekannt, von den handelnden Personen ganz zu schweigen. Ihren Anfang nahm die Geschichte der JEF, die in Heilbronn in den 1970er Jahren bis zu 400 junge Menschen in ihren Reihen aufweisen konnte und gut 20 Jahre lang bei Weitem die größte politische Jugendbewegung in Heilbronn war, gleich nach Kriegsende, als sich auch in Heilbronn die Europa-Union als Bürgerbewegung für einen europäischen Bundesstaat formierte. Die erstmals 1934 in der Schweiz gegründete Europa-Union wurde bis 1946 zum Sammelbecken aller demokratischen Friedens- und Widerstandsbewegungen mit dem Ziel, zumindest in Europa, Krieg und Totalitarismus ein für alle Mal zu begraben.

Bereits bei den ersten Zusammenkünften der Europäischen Föderalisten (Europa-Union) emanzipierte sich die Jugend und forderte mehr Mitspracherecht. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass sich 1947 ein eigener Jugendverband herausbildete und auch in Heilbronn 1953 noch als Bund Europäischer Jugend (BEJ) gegründet und 1957 dann in Junge Europäische Föderalisten umbenannt wurde. Maßgeblich bei der Gründung des Jugendverbandes in Heilbronn waren einige Lehrer, unter ihnen Herbert Kliem (47 Jahre), wobei der spätere Heilbronner Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann mit 19 Jahren erster BEJ/JEF Kreisvorsitzender wurde.

In den ersten beiden Jahrzehnten wurden die JEF in Heilbronn zum Synonym für Städtereisen und Städtepartnerschaften, welche sie seit 1956 mit finanzieller Unterstützung aus den USA, dem Vereinigten Königreich und der Schweiz äußerst professionell organisierten, sowie für den jährlichen Europaball, welcher über Heilbronn hinaus Bedeutung erlangte. Weniger in Erinnerung blieb dabei ihr politisches Engagement um den europäischen Bundesstaat, die erhofften Vereinigten Staaten von Europa.

Manche Zeitgenossen warfen der JEF vor, nur ein „Reiseclub“ zu sein, so auch Jürgen Dieter Ueckert anlässlich einer Fahrt der JEF nach San Remo: „Diese Stadt muss durch aufgeschlossene, diesem zu einigenden Westeuropa und seiner Gesellschaft kritisch gegenüberstehenden Jugendlichen vertreten werden und nicht durch politische Schwärmer, die nur auf ‚großbürgerliche‘ Weise empfangen werden wollen.“

Diese Mitbürger wussten offensichtlich dabei nicht, welchen politischen Herausforderungen die JEF von Anfang an ausgesetzt war. Zum einen wurde in den 1970er Jahren begonnen, innerhalb des Verbandes das Schisma von 1947 aufzulösen, welches die Europäischen von den Weltföderalisten trennte, und welches trotz Wiedervereinigung im Jahre 2004 selbst noch bis heute im Verband zu heftigen Diskussionen führt. Zum anderen waren die Europäischen Föderalisten in den 1970er Jahren dabei, die seit 1956 bestehende verbandsinterne Trennung zwischen Konstitutionalisten und Institutionalisten erfolgreich bis 1974 rückgängig zu machen. Und dazu kam noch die bis heute ungelöste Fragestellung, welche Föderalismusart man eigentlich in einem vereinten Europa haben möchte. Schon dies alleine ist auch heute noch für einen politischen Jugendverband Herausforderung genug.

Als dann mit den 1968er Jahren insgesamt eine zunehmende Politisierung der Jugend in Europa stattfand, führte dies auch in Heilbronn dazu, dass sich die Jungen Europäischen Föderalisten zunehmend in den politischen Alltag mischten ohne dabei aber ihre traditionellen städtepartnerschaftlichen Aktionen und Bildungsfahrten zu vernachlässigen; die 1970 gestellte Forderung nach einem Jugendhaus für Heilbronn, nach einem Mitwirkungsrecht für Gastarbeiter auf dem Gebiet der Kommunalpolitik oder die Diskussion um den Abtreibungsparagraphen 218 sind Beispiele dafür.

In Heilbronn kam erschwerend hinzu, dass die JEF Führungscrew zusätzlich noch bis heute beispielgebend bei der Europa-Union selbst aktiv mit eingebunden war und darüber hinaus ihre erfolgreichsten Führungskräfte mangels beruflicher Perspektiven in Heilbronn und dessen ungenügender infrastruktureller Anbindung ihr Lebensumfeld außerhalb Heilbronns suchen mussten, was einer Kontinuität in den Vorständen und der politischen Arbeit der JEF definitiv schadete.

Den Vorwürfen, sie seien mehr oder weniger ein „Reiseclub“ begegneten die JEF unisono, „dass es praktikabel und erfolgreich sei, junge Leute durch günstige Reisen für den Europa-Gedanken zu gewinnen.“ Auch waren ihre Vertreter inzwischen, wie z.B. Dr. Manfred Weinmann und Ulrich Stechele, im Heilbronner Gemeinderat und damit im politischen wie auch gesellschaftlichen Leben der Stadt fest integriert und setzten vor Ort Entscheidungen mit um.

Stadtrat Ulrich Stechele, der 1970 noch stellvertretender JEF Landesvorsitzender war, bat im September um vorzeitige Entlastung als Landesvorstandsmitglied, um sich mehr seiner Partei und deren Jugendorganisation widmen zu können, blieb aber weiterhin im Landesauschuss der JEF tätig, wo der Heilbronner JEF Kreisverband als damals stärkster Verband Baden-Württembergs weiterhin mit Ulrich Stechele (29 Jahre), Karlheinz Keller (35 Jahre, Kreisvorsitzender der Europa-Union Heilbronn) und Uwe Fröhlich vertreten waren.

Allerdings musste Stechele damals, und dies durchaus selbstkritisch, das schwindende Interesse großer Teile der Jugend an der europäischen Frage feststellen, denn diese hätte lange genug von den politischen Parteien und ihren Vertretern nur Lippenbekenntnisse gehört.

Bei der 15. Kreisversammlung im Dezember 1970 wurde der Kreisvorsitzende Volkmar Büschel im Amt bestätigt. Jochen Uehlin (20 Jahre) wurde zum Stellvertreter gewählt und Uwe Fröhlich zum Rechnungsführer. Zum neuen Geschäftsführer wurde Frieder Hamel gewählt. Die damals 250 Mitglieder bestanden aus 57% Männern und 43% Frauen, was für einen politischen Verband ein sehr ausgewogenes Ergebnis ist und eindeutig für die Akzeptanz der JEF in Heilbronn sprach.

Bei der 16. Kreisversammlung 1971 wurde Jochen Uehlin (21 Jahre) zum Vorsitzenden gewählt, sein Stellvertreter wurde Klaus Hofmeister (21 Jahre). Jürgen Brunner (21 Jahre) wurde neuer Geschäftsführer und Uwe Fröhlich (27 Jahre) als Rechnungsführer bestätigt. In diesem Jahr zählte die Europa-Union (stv. Kreisvorsitzender Dr. Klaus Kniep) 50 und die JEF bis zu 350 Mitglieder. Die gemeinsamen Aktionen der Jungen Europäischen Föderalisten mit der Europa-Union zeigen dabei 1971 ihre größten Erfolge, so konnte unter dem Motto „Die Grenzen fallen, wenn sie wollen“ erstmals eine Europa-Woche in Heilbronn veranstaltet werden, wobei am 5. Mai 1971 der Mannheimer Kreisel in Europaplatz umbenannt wurde. Darüber hinaus initiierten die beiden Europaverbände, dass noch in den 1970er Jahren der Europarat der Stadt Heilbronn eine Europafahne mit entsprechender Urkunde als Europastadt verlieh.

1971 war auch das Jahr in dem die Jungen Europäischen Föderalisten unter der Führung von Jochen Uehlin und Ulrich Stechele erstmals eine Studienfahrt in den Ostblock und zwar in die Tschechoslowakei organisierten; diese Fahrt stand im direkten Zusammenhang der bundesweiten JEF Diskussionen über Osteuropa und die neue Ostpolitik.

Bei der 17. Kreisversammlung 1972 wurden Jochen Uehlin (21 Jahre), Klaus Hofmeister (22 Jahre), Jürgen Brunner (21 Jahre) und Uwe Fröhlich (28 Jahre) im Amt bestätigt. Sie erhielten von den anwesenden 81 Mitgliedern die Vollmacht, über den Austritt aus dem Landes- und Bundesverband entscheiden zu können. Nun war es offensichtlich, dass sich parteipolitische und verbandsinterne Differenzen nicht mehr aus dem JEF-Alltag heraushalten ließen. Die damalige Begründung des Eintrags der JEF ins Heilbronner Vereinsregister durch ihren Geschäftsführer Jürgen Brunner als „Warnschuss gegen den einseitig links orientierten JEF Bundesvorstand“ war schon damals nur eine Seite der Medaille.

Tatsache war, dass die JEF über fast zwei Jahrzehnte hinweg das Optimum des Machbaren erreicht hatten, aber so langsam auch die Realität ihren Tribut forderte. Die Euphorie der Anfangsjahre war bei allen Beteiligten verschwunden, die externe Anfangsfinanzierung der Europaverbände wurde langsam aber sicher heruntergefahren und konnte kaum durch Eigenmittel kompensiert werden, die ständigen Führungswechsel trugen nicht zu einer Kontinuität bei und führten in Folge davon zu einer mangelhaften Verbandsverknüpfung und Fehlentschlüssen. Die älteren Damen und Herren (Europa-Union) hatten sich dabei zwar gut gemeint, aber zu schnell aus der Verbandsführung entfernt und dazu den doch offensichtlich notwendigen Nachsteuerungsbedarf nicht in Gänze erkannt.

Bei der 18. Kreisversammlung 1973 begrüßte der Tagungsleiter Ulrich Stechele Vertreter des Bundes- und des Landesverbandes und konstatierte erleichtert, dass die Differenzen zwischen dem fast noch 250 Mitglieder starken Kreisverband und dem Landes- bzw. Bundesverband ausgeräumt werden konnten. Jochen Uehlin, Klaus Hofmeister und Jürgen Brunner wurden in ihren Ämtern bestätigt. Neuer Kassenführer wurde Peter Rutsch.

Ab 1974 trat die JEF nicht mehr als Partnerorganisation des Stadt- und Kreisjugendrings in Erscheinung . Im Januar 1976 trat Jürgen Brunner, der JEF Vertreter im Vorstand des Heilbronner Stadt- und Kreisjugendrings, aus politischen Gründen von seinem Amt zurück. Meine damals mit dem Stadt- und Kreisjugendring in anderer Funktion (Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen) selbst gemachten Erfahrungen lassen mich behaupten, dass der JEF für diesen Austritt keine Schuld angelastet werden darf. Die von der JEF in den Stadt- und Kreisjugendring getragenen Forderungen, z.B. nach einem Jugendhaus in Heilbronn, wurden danach von den Jungsozialisten, den Jungdemokraten, der Jungen Union u.a. politischen Jugendorganisationen weiterverfolgt.

Die JEF hielten an ihren Studienfahrten fest und fuhren u.a. nochmals vom 22. Juli 1974 bis zum 4. August 1974 nach Béziers, konnten aber wegen wegfallender Fördermittel und weiteren Kostensteigerungen in den Folgejahren nicht mehr in der gewohnten Größenordnung und Häufigkeit Fahrten ins europäische Ausland durchführen. Wohl daraus resultierend, sanken auch die Mitgliederzahlen und das Interesse an der JEF in Heilbronn.

Im Vorfeld der ersten Direktwahlen zum Europäischen Parlament nahm Dr. Manfred Weinmann (44 Jahre) 1978 mit Jürgen Brunner (27 Jahre), der inzwischen Kreisvorsitzender der Europa-Union Heilbronn war, Verbindung auf und reaktivierte beide Heilbronner Europaverbände. So wurde 1979 Friedlinde Gurr-Hirsch (35 Jahre) als Nachfolgerin von Jürgen Brunner zur ersten Heilbronner Kreisvorsitzenden der Europa-Union gewählt. Aber erst 1990 gelang es Bettina Eckert (23 Jahre) die JEF wieder als politische Jugendorganisation zu reaktivieren und wurde deren erste Kreisvorsitzende in Heilbronn.