Bei winterlichem Wetter mit Schnee und kaltem Wind und Minusgraden warteten wir auf das Eintreffen der beiden Busse, die uns, über 100 Schüler und Begleitpersonen sowie Mitglieder der Europa-Union, sicher nach Straßburg bringen sollten. Es war der Morgen nach dem „schmutzigen Donnerstig“ und die Stimmung war entsprechend gehoben bis ausgelassen. Das Wetter konnte uns nichts anhaben, vor allem nachdem wir den winterlichen Morgenstau hinter uns gebracht hatten und endlich auf der Autobahn waren.

So verging die Zeit bis zur Rast bei Baden Baden wie im Fluge. Von dort war es nur noch ein Katzensprung bis Straßburg, dem nun alle, nach einem wohltuenden Kaffee im Leibe, regelrecht entgegen fieberten. Straßburg lag wieder allem Erwarten nicht im Sonnenschein, sondern empfing uns mit den gleichen Wetterbedingungen, die wir schon von zu Hause her kannten. Egal, kein Problem, wir waren ja erprobt! Unser erster Stopp in der französischen Grenzstadt, direkt nach der Europabrücke von Kehl herkommend, war das Europaparlament. Auf dem Weg dahin fuhren wir bereits an anderen Einrichtungen wie dem Europarat oder dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorbei.

Straßburg ist Sitz zahlreicher europäischer Einrichtungen: Europarat, Europaparlament, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Europäischer Bürgerbeauftragter, Eurokorps, u. a. m. und versteht sich deshalb als „Hauptstadt Europas“.

Wir gelangten schließlich mit etwas Mühe, aber unbeschadet, ins Europaparlament.

Ich bekenne, hier wird es nicht ganz einfach, Sachverhalte wiederzugeben, wandelten wir doch unter Würdenträgern höchster Ämter in Europa.

Nun denn, da es sein soll, entscheide ich mich für das Kommentieren als solches und räume mir deshalb Redefreiheit ein, ganz als wäre ich parteiloses Mitglied des Parlaments.

Parlament, ein riesiges Konglomerat an Gängen, Türen und Räumen. Geschick des Himmels oder besser gesagt, der Untergebene einer Gewählten, führte uns zu unserem Ziel, einem Plenarsaal. Einem Plenarsaal wie ein Raum nicht interessanter ausgestattet sein konnte für unsere Jugendlichen. Dicke, fette Sessel, kaum bewegbar, ein Mischpult für jeden und Klangerlebnis über die hauseigene Kommunikationsanlage für jeden, der es nicht abwarten konnte, aufgerufen zu werden, um etwas Vernünftiges über Mikrofon den Versammelten zu sagen. Ein Megaspielplatz sozusagen. Danke hierfür den Technikern im EP. Nachdem sich dann auch jeder in gewissem Sinne als stimmgewaltiger „Abgeordneter“ fühlen durfte, erschien dann doch die Saalherrin, Frau Evelyne Gebhardt, Mitglied des Europaparlaments und sorgte für den gebührenden Ernst im Hause. Evelyne Gebhardt, nicht nur eine schillernde Persönlichkeit in ihrem Wahlkreis in Deutschland, auch darüber hinaus hat die „Jeanne D'Arc“ der Europapolitik starke Verbündete in ihrem Kampf um Gerechtigkeit und Bürgerwohl. Kein geringerer als der „Kaiser der Franzosen“, Nicolas Sarkozy, feiert sie als Retterin von Frankreich. Eben diese Frau gab uns die Ehre, Fragen über den Tagesablauf, die Einkommensverhältnisse von normalen Abgeordneten und die Notwendigkeit der Energiesparlampe zu stellen. Wir alle waren sehr angetan von der ungezwungenen, direkten Art von Frau Gebhardt, wie sie völlig unverkrampft über Ihre Wochenarbeit erzählte. Zugegeben, sie arbeitet sehr viel, oft bis spät in die Nacht, aber gäbe es da keine Altenativen? Sie erzählte uns, wie viel Zeit es in Anspruch genommen hat, die Abstimmung zum Thema SWIFT in der Europäischen Fraktion zu klären. Viel Zeit! Zeit, die für wichtigere Dinge fehlt, wie sie auch durchblicken ließ.

Da dies ein Tag der Schülerfragen war, wollte niemand der Erwachsenen die Debatte verlängern, noch dazu, weil Frau Gebhardt einen eher müden, ausgebrannten Eindruck machte.

Was bleibt, ist für mich EUROPA-UNIONler die Frage: Was könnte unseren Abgeordneten helfen, notwendige Entscheidungen fristgerecht zu entscheiden? Fragen klären muss nicht notwendigerweise bedeuten, zig Vorentscheidungen zu durchlaufen. Eine Abstimmung genügt! Das erfordert unser Grundgesetz, das erfordert das Europäische Recht und damit sollte genüge getan sein. Eine geheime Abstimmung in der Sache. Das ist Demokratie.

Ständerepupliken, Vetterleswirtschaft, Oliogarchie der Parteien, das ist es nicht!

So, genau so, könnte Frau Gebhardt einer angemesseneren Stundenvergütung nahe kommen, die wir ihr alle von Herzen wünschen. Verglichen mit einem Bankmanager, der ungestraft Millardenvermögen veruntreuen darf, erhält sie doch nicht einmal ein Stück Brot, um Butter darauf zu schmieren.

Zuletzt gesagt, Frau Gebhardt ist eine sehr respektable, angenehme Person, der wir nur sehr viel Glück auf ihrem weiteren Weg wünschen können.

 

An den Besuch des Parlaments schloss sich nahtlos die Mittagspause an, bei der das Glück der guten Wahl der Location sehr unterschiedlich war.

 

Pünklich um 15.00 Uhr begrüßte uns unsere Stadtführerin beim Dom. Sie war ein Quell des Wissens zu Straßburg und der Geschichte der Stadt. Zusammengefasst nur einige Punkte, die wir durch sie erfahren haben: Die Agglomeration Straßburg zählt etwa 640.000 Einwohner. Die Stadt liegt am Fluss Ill, die sich im Stadtgebiet verzweigt. Auf der von beiden Illarmen umflossenen Grande Île (Große Insel) liegt die historische Altstadt. 1399 bis 1439 wurde auf die Westfassade des Straßburger Münsters nördlich der Turm gesetzt. Von dem Entwurf einer Doppelturmfront aus dem Jahre 1275 weichen schon die darunter liegenden Geschosse der Fassade ab. Das Münster blieb bis 1874 das höchste Gebäude der Welt und sein Turm gehört immer noch zu den höchsten Kirchentürmen der Welt. Der Innenausbau der Kirche, die Schwalbennestorgel, die reich verzierte Kanzel von Hans Hammer, die Bleiglasfenster aus dem 12.-14.Jahrhundert sowie die astronomische Uhr im Südschiff machen einen Besuch des Münsters zu einem Erlebnis besonderer Art. Hier waren wahre Meister ihres Faches am Werk. Meisterlich sind auch die Gebäude rund um den Münsterplatz sowie die angrenzenden Gebäude des Palais Rohain, entstanden. Straßburgs Altstadt scheint auf engstem Raum ein Panoptikum Europäischer Architektur der Jahrhunderte zu sein.

Bis ins Gerberviertel, einem sogenannten „touristisch“ beliebten Ort, scheint sich an der Schönheit Straßburgs Häuser nichts aussetzen zu lassen. Das ist schön und mehr durften wir an einem so windig kalten Nachmittag auch nicht erwarten. Obwohl, so ein architektonisch wohl gestalteter Straßburger oder gar eine Straßburgerin, das hätte unseren Rundgang dann doch noch abgerundeter gestaltet.

Es blieb dann noch genügend Zeit zum Einkaufsbummel oder einfach nur zum Gang in ein gutes, warmes Café. Ganz wie es beliebte!

Pünklicht 17.30 Uhr lichteten wir Anker in Straßburg und flogen, trotz Freitagabenverkehr, über die Autobahn mit kurzem Halt am Rasthof Bruchsal, gen Heimat. So erreichten wir früher als geplant Heilbronn. Einige gingen nach Hause, andere, um ihre neue Bekanntschaft zu feiern... und einer, ja, einer fuhr zum Karneval nach Köln. Alaf!

 

Ein großes Dankeschön an die Veranstalter und hierbei vor allem an Bettina Kümmerle.

Der Tag war insgesamt ein großes Erlebnis, brilliant organisiert.

 

Edgar E. Rudolph

 
28.02.2010 | 2318 Aufrufe

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