Die Entstehungsgeschichte und die Geburtswehen der Europaflagge sind selbst für Zeitzeugen noch immer in der Erinnerung aufregend und historisch interessant. Der Umsturz der mittel- und osteuropäischen Staaten in moskautreue Satellitenstaaten, die sowjetische Blockade Berlins und schließlich der Korea-Krieg hatten die Europäer gelehrt, das „Neue Europa" mit „Neuem Geist" mit Hilfe der Amerikaner zu beschleunigen.

Am 4. April 1949 wurden die NATO gegründet, am 5. Mai 1950 der Europa-Rat, und am 9. Mai 1950 verkündete Robert Schuman seinen Plan für die Schaffung einer „Europäischen Föderation", der Europa und die Welt veränderte. Am 18. August 1950 debattierte der Europa-Rat erstmals die Schaffung eines Symbols für Europa, das man aufzubauen begonnen hatte.

In den nächsten Monaten erreichten mehr als 100 Vorschläge von Künstlern und Historikern, Politikern und Diplomaten, ja auch von einfachen Bürgern die Straßburger Versammlung. Die europäische Idee hatte Hochkonjunktur. In Straßburg gab es leidenschaftliche und geistreiche Debatten: Wollte man doch ein Symbol kreieren, das übernational die Zeiten überdauert und in dem jeder Europäer sich wiedererkennen konnte.

Fünf Jahre dauerte die Debatte, bis Straßburg am 25. Oktober 1955 einstimmig das noch heute gültige Symbol beschloß.

Die Helden waren müde geworden, und neue Ideen konnte niemand mehr vorbringen. Aber halt! Da waren einige Verschworene, die in der ganzen Zeit ihren Vorschlag in Reserve gehalten hatten, weil sie wahrscheinlich mit Recht fürchteten, auch er könne in diesen heißen Debatten untergehen. Sie sahen am Ende der Debatte die Gunst ihrer Stunde gekommen und schlugen als Symbol Europas vor: eine Flagge mit dem Blau des Himmelsgewölbes und in der Mitte einen Kranz von zwölf goldenen, fünfzackigen Sternen, die sich nicht berührten - ein jahrtausende altes Symbol für „Vollkommenheit" und „Vollendung". War das nicht ein Symbol für den Neubau Europas mit neuem Geist, für ein friedliches Zusammenleben seiner Völker in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität?

Der Vorschlag wurde ohne weitere Diskussion angenommen; der Ministerrat beschloß ebenso einstimmig am 8. Dezember 1955 dieses Symbol; am 13. Dezember 1955 wurde diese Flagge feierlich vor dem Palais de l'Europe in Straßburg gehißt.

Wir Abgeordnete der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PVE) machten ein Jahr später der „Kathedrale der Völkerversöhnung" in Straßburg ein Geschenk: Dieses Symbol in der Beschreibung der Apokalypsis (= Offenbahrung des hl. Johannes) mit der Muttergottes im Sternenkranz für das Marienfenster in der Apsis der Kathedrale, das 1944 durch Bomben zerstört worden war.

Das Symbol des Zwölf-Sterne-Kranzes steht für die „Heiligkeit" der Zahl zwölf (ähnlich der Zahl sieben aus der Schöpfungsgeschichte). In alten Kirchen, aber auch in gewissen Profanbauten, begegnen wir in Europa immer wieder diesem Symbol; so z. B. in der Basilika „zur Göttlichen Weisheit" (Hagia Sophia) in Konstantinopel/Istanbul, die von Kaiser Konstantin dem Großen (306-324) erbaut, zweimal durch Erdbeben und Brand zerstört und von Kaiser Justinian I. (518-563) größer und schöner wieder aufgebaut wurde und Jahrhunderte hindurch als zusätzliches achtes Weltwunder galt. Dort hängt von der 55 Meter hohen Großen Kuppel ein goldener Leuchterkranz mit zwölf Sternen in überdimensionaler Größe herab. Wir begegnen diesem Symbol aber auch u. a. im Aachener Münster; in der Kuppel des Oktogons hängt der sog. Barbarossa-Leuchter, gestiftet (1162 - 1190) aus Anlaß der Seligsprechung Kaiser Karls des Großen (768-814). Europa hat eine große Geschichte - bei allen Fehlern, Kriegen und Grausamkeiten.

Nach dem Niedergang des kommunistischen Imperiums stehen wir an einem neuen Anfang. Robert Schuman, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und andere haben aus den Lehren der Geschichte mit historischem Weitblick und Kühnheit ein „Neues Europa" auf den Weg gebracht: Versöhnung der Völker, friedliches Zusammenleben zum gegenseitigen Nutzen und Wohl, in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität; das sind die Werte, die das Europa der Zukunft wesentlich mitbestimmen sollen. Wir bleiben uns bewußt, daß menschliches Werk immer unvollkommen sein wird und vielleicht auch nie die wirkliche Vollendung erreicht. Nach den Gründungsvätern haben andere die Flagge hochgehalten und weitergetragen. Dies auch in Zukunft zu tun, ist auch heute und morgen des Schweißes aller Edlen wert.

Hans-August Lücker

 

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